Interview: Peter Ackermann
Wie häufig sind Krebserkrankungen bei Kindern bis 14-jährig in der Schweiz?
Claudia Kühni: Krebserkrankungen sind bei Kindern von null bis 14 Jahren nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache. Jährlich erkranken zirka 300 neu. Am häufigsten sind Leukämien die etwa ein Drittel der kindlichen Tumoren ausmachen, gefolgt von Hirntumoren mit etwa 20 Prozent und Lymphdrüsenkrebs mit zwölf Prozent. Kinder erkranken aber auch an verschiedenen seltenen Tumoren aus unreifem embryonalen Gewebe, die bei Erwachsenen nicht vorkommen, wie Retinoblastome, Nephroblastome, Neuroblastome oder Hepatoblastome. Die bei Erwachsenen dominierenden Karzinome wie Dickdarmkrebs, Lungenkrebs oder Brustkrebs kommen bei Kindern praktisch nicht vor. Die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung bei Kindern haben sich in den letzten 60 Jahren rasant verbessert. Heute können über 85 Prozent aller Kinder sogenannt geheilt werden.
Warum ist Leukämie bei Kindern unter fünf Jahren die häufigste Krebsart?
Verena Pfeiffer: Bei ein- bis vierjährigen Kindern ist Leukämie tatsächlich mit 45 Prozent die weitaus häufigste Krebserkrankung. Warum das so ist? Die Warum-Frage ist schwierig zu beantworten. Man geht davon aus, dass für die Entstehung von Leukämien vorgeburtliche oder frühkindliche Umwelteinflüsse eine wichtige Rolle spielen.
Woran erkranken Jugendliche vor allem?
Claudia Kühni: Das Spektrum der Krebserkrankungen ändert sich rasch mit dem Alter der Kinder. Teenager können zwar immer noch an Leukämien und Hirntumoren erkranken, in diesem Alter kommen aber auch Lymphome, Knochentumore und Weichteilsarkome häufig vor.
In den 50er-Jahren sind noch fast alle Kinder mit Krebserkrankungen verstorben, heute liegt die Quote der erfolgreich behandelten Kindern bei über 85 Prozent. Worauf ist der Erfolg zurückzuführen?
Verena Pfeiffer: Vor allem auf die klinische Forschung, durch die die Behandlungen verbessert wurden. Das Schweizer Kinderkrebsregister ermöglicht es, durch die darin erfassten Daten die über Jahrzehnte verbesserte Überlebensrate zu beobachten.
Claudia Kühni: Das Kinderkrebsregister ist tatsächlich ein wichtiges Instrument, um die Heilungserfolge in der Schweiz zu beobachten und zu verbessern. Ein Grund, dass das Register so gut funktioniert liegt darin, dass es durch die behandelnden Ärzte selber gegründet und geführt wurde und immer der Nutzen der gesammelten Daten im Vordergrund stand. In einer Pioniertat haben sich 1976 sämtliche Kinder-Onkologinnen und Onkologen der Schweiz als Schweizerische Pädiatrische Onkologie Gruppe (SPOG) zusammengeschlossen, um pädiatrische klinische Studien durchzuführen und gleichzeitig die Studienerfolge mit Hilfe eines nationalen Registers auszuwerten. Das war die Geburtsstunde des Schweizer Kinderkrebsregisters. Die SPOG ist bestrebt, alle Kinder in Behandlungsstudien einzuschliessen. Das garantiert standardisierte Therapien auf dem aktuellen Forschungsstand. Ergebnisse können zeitnah ausgewertet und verglichen werden. Das ermöglicht, die Tumoren besser zu verstehen, die Behandlungen zu verbessern und Nebenwirkungen und Spätfolgen zu senken. Heute dokumentiert das Kinderkrebsregister die Daten zu Tumoren, Behandlungen und Langzeitverlauf. Das erlaubt eine ständige Qualitätskontrolle und rasche Rückmeldungen an Ärzte und Forscher.
Worauf ist das aussergewöhnliche Engagement zurückzuführen?
Verena Pfeiffer: Auf die motivierten Onkologinnen und Onkologen und auf die Einsicht, dass man vernetzt vorgehen muss: Krebserkrankungen sind ja bei Kindern viel seltener als bei Erwachsenen. Deshalb müssen Ärzte und Wissenschaftler die Daten national und international auswerten und auf grosse Datensätze zurückgreifen um neues Wissen zu erlangen.
Gibt es Therapien, die für Kinder besser geeignet sind für Erwachsene?
Claudia Kühni: Generell werden viele Krebserkrankungen bei Kindern erfolgreich mit einer geschickten Kombination von lange bekannten Therapien behandelt. Oftmals ertragen Kinder, mit ihrem jungen Körper auch höhere Dosen Chemotherapie als Erwachsene und können deshalb noch gezielter behandelt werden. Dafür sind sie empfindlicher gegenüber Strahlentherapie. Die neuen Therapieprotokolle versuchen deswegen, Bestrahlungen zu reduzieren, oder mit neuen Dosierungsschemata und Anwendungen nebenwirkungsärmer durchzuführen.
Gibt es Behandlungsarten, von denen man weggekommen ist?
Claudia Kühni: Man versucht ständig, den Mix an Therapien zu verbessern, um eine möglichst gute Wirkung auf den Tumor mit möglichst wenigen Nebenwirkungen auf das gesunde Gewebe zu erreichen. Ein Tumor, bei dem riesige Fortschritte erzielt wurden ist das Retinoblastom, ein seltener Tumor in der Netzhaut, der fast nur bei Kindern vorkommt. Früher musste meist das erkrankte Auge herausoperiert und durch ein Glasauge ersetzt werden. Heute erlaubt die Früherkennung bei kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und eine hochspezialisierte Lasertherapie im Lausanner Jules-Gonin Hospital kombiniert mit Chemotherapie fast immer eine konservative Behandlung, wodurch das Auge erhalten werden kann.
Endlich krebsfrei – und dann?
Verena Pfeiffer: Viele Cancer Survivors haben 60, 70 Lebensjahre vor sich. Die heutige Forschung zielt deswegen nicht nur auf Heilung, sondern auch daraufhin, dass die jungen Menschen diese Jahre in guter Gesundheit und mit optimaler Lebensqualität verbringen können.
Mit welchen Spätfolgen haben erfolgreich behandelte Kinde zu rechnen?
Claudia Kühni: Einige Kinder werden nie Spätfolgen entwickeln, andere haben nur wenige Probleme, die ihr Leben nicht einschränken. Es gibt aber auch Spätfolgen, die zum Tod führen, und andere, die die Gesundheit und Lebensqualität der Überlebenden stark reduzieren.
Welche Folgen sind tödlich?
Claudia Kühni: Beispielsweise Zweittumore. Ein Kind kann fünf Jahre nach einer erfolgreichen Behandlung eines Neuroblastoms an einer Leukämie erkranken, oder zehn Jahre später an einem Knochensarkom. Eine Jugendliche, deren Lymphom im Brustkorb erfolgreich bestrahlt wurde, kann Brustkrebs entwickeln. Solche Zweittumoren können durch die Behandlung des Ersttumors verursacht werden, entstehen manchmal aber auch therapieunabhängig im Rahmen einer genetischen Prädisposition. Solche Zweittumore können zwar auch wieder behandelt werden, aber die Heilungschancen sind generell tiefer.
Ist der Preis des Überlebens zwangsläufig gebunden an eine Vielzahl von Nebenwirkungen?
Claudia Kühni: Nein, nicht alle Cancer Survivors müssen mit Spätfolgen rechnen. Wenn der Tumor allein durch eine Operation vollständig entfernt werden konnte, sind wenig Spätfolgen zu erwarten. Kinder, die mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt wurden, können aber eine Reihe von Gesundheitsproblemen entwickeln. Etwa Hormonstörungen wie Wachstumshormonmangel oder Veränderung der Schilddrüsenfunktion. Bestrahlung im Bereich von Eierstöcken und Hoden kann die Fruchtbarkeit einschränken. Gewisse Chemotherapien und Bestrahlung im Brustbereich können zu Herzschädigungen und Lungenproblemen führen.
Gibt es nur physische Spätfolgen, oder auch psychische?
Claudia Kühni: Zuerst halte ich gerne fest, dass der Grossteil der Überlebenden ihre Lebensqualität und psychische Gesundheit als sehr gut beschreibt – sogar besser als die Durchschnittsbevölkerung! Es gibt aber auch Survivors, deren psychische und physische Entwicklung, schulische Leistungen und Berufsbildung durch die Krebs-Erkrankung beeinträchtigt wurde, oder welche, die Depressionen haben. Auch Eltern oder Geschwister können psychische Spätfolgen entwickeln. Durch die schwere Erkrankung des Kindes kann sich die Familienstruktur ändern.
Lassen sich die psychischen Schwierigkeiten in der Nachsorge einfacher begleiten, als die körperlichen?
Verena Pfeiffer: Ich würde da gar nicht differenzieren zwischen einfacher und nicht einfacher. Wie mit den Folgen einer Krebserkrankung umgegangen werden kann, ist sehr persönlich und hängt auch vom Umfeld ab.
Kämpfen junge Cancer Survivors auch mit Fatigue und anderen, schwierig zu benennenden, weil diffusen Folgen?
Verena Pfeiffer: Ja, gewisse Kinder haben beispielsweise häufiger einen «sturmen Kopf», leiden an Konzentrationsschwierigkeiten, oder sie sind langsamer und oft müde.
Die Folgen erschweren es bestimmt, dem Schulunterricht zu folgen: Beeinträchtigt Krebs die Chancengleichheit in der Ausbildung?
Claudia Kühni: Während der Therapie sind die Kinder in ihren schulischen Fortschritten oft beeinträchtigt. Unsere Daten der langzeitigen Verläufe zeigen aber erfreulicherweise, dass die meisten Kinder einen vergleichbaren Schulabschluss und Berufsbildung erreichen wie Kinder und Jugendliche ohne Krebs – aber manchmal um zwei oder drei Jahre verzögert.
Trifft das auch auf Patienten mit einem Hirntumor zu?
Claudia Kühni: Kinder mit Hirntumoren leiden generell am meisten unter Spätfolgen. Das gilt insbesondere für die schulische und berufliche Entwicklung, das Finden eines Partners und das Gründen einer Familie. Zudem treten psychische Probleme auf. Nur wenige dieser Cancer Survivors gehen an die Universität oder in die Sekundarschule. Bei diesen Patienten sollten die Förderungsmöglichkeiten möglichst früh intensiv ausgeschöpft werden.
Verena Pfeiffer: Dank des Schweizer Kinderkrebsregisters können die Langzeitfolgen und Auswirkungen auf die Lebensqualität untersucht werden. Kinder, die an Krebs erkranken, haben ja im Gegensatz zu einem krebskranken alten Menschen noch das ganz Leben vor sich. Sie wollen sich verlieben, Kinder zeugen, streben eine berufliche Erfüllung an.
Inwiefern führt das Kinderkrebsregister zu einer besseren Betreuung nach der Therapie und zur Nachsorge?
Verena Pfeiffer: Wir sammeln Daten zu den Resultaten der Behandlung und zu Spätfolgen und stellen diese Daten den Ärzten und Forschenden für eine Verbesserung der Nachsorge zur Verfügung. Es ist wichtig, dass solche Daten nicht nur für Kinder gesammelt werden, die in klinischen Studien sind, sondern für alle. Und nicht nur fünf bis zehn Jahre nach der Diagnose, sondern lebenslang.
Welche Aussagen kann das Kinderkrebsregister noch treffen?
Claudia Kühni: Der Elternurlaub bei kranken Kindern beträgt gesetzlich vorgeschrieben drei Tage pro Jahr. Das ist deutlich weniger, als die Eltern tatsächlich benötigen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat uns angefragt, wie viel Zeit Eltern durchschnittlich aufbringen müssen für die Begleitung ihrer Kinder in Therapie und Nachsorge. Innert zweier Monate konnten wir Ergebnisse liefern, weil die Daten bereits vorhanden waren und wir sie nur noch auswerten mussten. Durchschnittlich 155 Arbeitstage verbringt ein Elternteil mit dem krebskranken Kind im Spital. Diese Daten haben dem Bundesrat geholfen, einen Aktionsplan zu verabschieden für Unterstützung von Angehörigen schwerkranker Kinder.
Am 1. Januar 2020 tritt das Krebsregistrierungsgesetz in Kraft. Das Kinderkrebsregister hat zusammen mit der Schweizerischen Pädiatrischen Onkologie Gruppe (SPOG) diese Bundesaufgabe übertragen bekommen. Was ändert sich dadurch für das Kinderkrebsregister?
Claudia Kühni: Seit 1976 finanzierte sich das SKKR selbst: durch Beiträge der SPOG, der Uni Bern, der Elternvereinigungen, und via Forschungsprojekte und Spenden. In den letzten Jahren wurde das Register auch durch die Kantone, die Krebsliga Schweiz und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterstützt. Ab 2020 sollen die Betriebskosten des Registers durch das BAG gedeckt werden. Das ist eine Erleichterung für uns, weil wir weniger Zeit für die Suche nach Sponsoren verschwenden müssen.
Was finanziert der Bund, was nicht?
Verena Pfeiffer: Der Bund finanziert die reine Registrierung der Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen bis zu 19 Jahren. Und damit auch das Monitoring und die Gesundheitsberichterstattung. Was der Bund nicht übernimmt, ist die Forschung zu Krebs bei Kindern und Jugendlichen, beispielsweise zu Risikofaktoren, Behandlungserfolgen und Spätfolgen. Da sind wir weiterhin auf Drittmittelfinanzierung angewiesen.
Claudia Kühni: Forschungsprojekte zu Ursachen, Therapieverbesserung und Spätfolge sind vollständig auf Drittmittelfinanzierung angewiesen. Das stellt uns immer noch vor grosse Herausforderungen.
Führen die Forderungen des Bundes zu inhaltlichen Umstrukturierungen des Kinderkrebsregisters?
Claudia Kühni: Ja. Der Bund ist nicht an allen Daten interessiert, die wir seit Jahrzehnten sammeln, da er diese als Forschungsdaten definiert. Zudem registrieren wir bis jetzt nicht nur Schweizer Kinder, sondern auch Kinder, die für Behandlungen aus dem Ausland in die Schweiz kommen. Auch bei diesen Kindern ist uns eine Registrierung und Kontrolle der Behandlungsqualität wichtig. Diese Daten fallen ab 2020 nicht unter das Krebsregistrierungsgesetz, drohen wegzufallen.
Verena Pfeiffer: Die Folge: Wir dürfen sie nicht in der gleichen, schon gebauten, Bundesdatenbank registrieren, sondern müssen für diese wenigen Kinder eine separate Datenbank erstellen.
Was hat die Einführung eines Schattenregisters zur Folge?
Verena Pfeiffer: Dieses muss privat finanziert werden. Die durch das Krebsregistrierungsgesetz ab 2020 erfassten Daten dürfen zu Forschungszwecken nur in aggregierter Form zur Verfügung gestellt werden. Das heisst: Es werden Angaben von mindestens 20 Personen zusammengefasst. Mit aggregierten Daten können wir beispielsweise keine Fragebogen mehr an Familien senden, um die Lebensqualität und Langzeitfolgen von Krebs bei Kindern zu untersuchen. Auch zur Untersuchung von Risikofaktoren braucht es individuelle Daten, da man ja beispielsweise das Erkrankungsrisiko aufgrund des exakten Wohnortes untersuchen möchte. Dabei kommt es drauf an, ob man 20 Meter von einer Autobahn weg wohnt oder 500 Meter. Mit aggregierten Daten kann eine solche Forschung nicht mehr betrieben werden. Wir werden also weiterhin parallel zur Registrierung im Bundeskrebsregister bei Kindern und Eltern das Einverständnis für Forschung einholen müssen.
Machen die Kinder-Onkologinnen und Onkologen mit?
Claudia Kühni: Ja. Die Unterstützung ist riesig. Alle machen mit.
Weitere Herausforderungen?
Verena Pfeiffer: Die Finanzierung der Langzeitfolgenstudie ist momentan nicht mehr gewährleistet. Jedes Jahr kommen neue Survivors dazu. Wir möchten aber auch ältere Überlebende erneut befragen, um Spätfolgen zu erkennen, die sich erst später im Leben zeigen. Das ist an sich nicht extrem teuer, aber es benötigt eine stabile Infrastruktur mit einer wissenschaftlich arbeitenden Person, jemanden der die Fragebogen verschickt und eingibt, und Nachfragen der Familien beantwortet und etwas IT und Statistik. Doch dieses Geld fehlt. Wir mussten deshalb die Fragebogenstudie aufs Eis legen. Wir hoffen aber, zukünftig dafür wieder Geld einwerben zu können, um diese essentielle Forschung zum Langzeitverlauf weiterführen zu können.
Weitere Anliegen?
Claudia Kühni: Das administrative darf nicht überhandnehmen. Bislang führten wir mit wenig Geld ein recht effizientes Register. Doch jetzt steigt der administrative Aufwand massiv. Früher verifizierten wir die Adressen und Daten direkt, jetzt läuft alles über die kantonalen Register. Früher managten wir das selber, nun sind wir abhängig.
Wenn Ihnen eine Fee einen Wunsch erfüllen würde: Wie hiesse dieser?
Verena Pfeiffer: Dass wir all die Daten, die wir mit viel Aufwand sammeln, optimal für Forschungszwecke nutzen können. Die Forschung bringt uns im Kampf gegen Krebs weiter. Über sie findet Innovation statt, die auch ökonomisch für die Schweiz von Bedeutung ist.
Claudia Kühni: bisher konnte praktisch jede im Kinderkrebsregister gesammelte Information in der Forschung genutzt werden. Das war ein grosser Erfolg. Wir versuchen sicherzustellen, dass dies weiterhin möglich ist. Mein Wunsch an die Fee wäre deshalb: Alle gesammelten Daten sollen genutzt werden können, um die Ursachen von Krebserkrankungen bei Kindern zu erforschen, die Therapien schonend und effektiv zu verbessern, und die Spätfolgen zu reduzieren.
Wer ist die Fee?
Verena Pfeiffer: (Lacht.) Das fragen wir uns manchmal auch.
Claudia Kühni: Der Gesetzgeber – und als ausführende Gewalt der Bundesrat.
Interview: Peter Ackermann
Miklos Pless, zählen akademische Erfolge in der klinischen Krebsforschung nichts mehr?
Miklos Pless: Doch, doch. Die klinische Krebsforschung wird in den kommenden Jahren sogar an Bedeutung gewinnen: Die Krebserkrankungen steigen, weil die Menschen aufgrund der medizinischen Fortschritte älter werden und weil mit den Babyboomern die geburtenstarken Jahrgänge in ihren 60ern und 70ern ankommen. Das stellt die Onkologie und auch die akademische Forschung vor grosse Herausforderungen.
Weshalb mangelt es trotz steigender Nachfrage an Onkologinnen und Onkologen in der klinischen Forschung an Nachwuchs?
Die Generation Y legt andere Gewichtungen bei der Work-Life-Balance: Freizeit und Familienzeit haben mehr Gewicht, der Beruf und die Karriere verlieren. Viele Assistenzärztinnen und -ärzte sind nicht mehr bereit, nach einer intensiven Arbeitswoche noch an einem Samstag und Sonntag zu forschen. Und dann verschärfen paradoxerweise ausgerechnet die Fortschritte in der Forschung den Mangel an Nachwuchskräften: Krebsbehandlungen werden immer komplexer, die Subspezialisierung nimmt zu. Zukünftig muss für viele neue spezialisierte Teilgebiete gut ausgebildetes Personal zur Verfügung stehen.
Bei der Grundversorgung wird der Ärztemangel öffentlich diskutiert. Warum nicht bei der klinischen Forschung?
Der Mangel betrifft alle medizinischen Gebiete proportional ähnlich. In der Grundversorgung macht er sich aber als erstes bemerkbar und ist deshalb gesellschaftlich ein Thema. Wer jetzt nicht mit dazu beiträgt, dass genügend Ärztinnen und Ärzte akademische klinische Forschung betreiben, darf nicht jammern, wenn das Niveau der Forschung sinkt und wir in 15 Jahren Professuren nur noch mit Schwierigkeiten besetzen können. Wir müssen deshalb rechtzeitig Gegenmassnahmen ergreifen.
Um dem zukünftigen Mangel entgegenzuwirken, hat die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) ein Förderungs- und Mentorenprogramm für junge Onkologinnen und Onkologen ins Leben gerufen. Sie sind der Leiter der Young Oncology Academy. Wen sprechen Sie mit dem Programm an?
Das Programm richtet sich an motivierte junge Ärztinnen und Ärzte, die einen aktiven Beitrag zur klinischen und translationalen Forschung leisten möchten. Der Fokus ist die Krebsmedizin, egal ob Medizinische Onkologie, Hämatologie oder Radio-Onkologie.
Wie fördern Sie die Talente?
Wir vermitteln den jungen Onkologinnen und Onkologen das Rüstzeug, um eine klinische, akademische Karriere anzugehen. Sie werden in der Young Oncology Academy fast ein Jahr lang von einem renommierten Fakultätsmitglied der YOA betreut. Dabei geben wir den Talenten einen Einblick in die erfolgreiche Entwicklung, Leitung, Durchführung und Veröffentlichung einer klinischen Studie. Als Teil der Academy besuchen sie den ESMO-Kongress, beziehungsweise den EHA bei den Hämatologen und den ESTRO-Kongress bei den Radio-Onkologen. Wir zeigen ihnen, wie sie sich an einem unübersichtlich grossen Kongress wirkungsvoll bewegen, wie sie unter den vielen parallelen Angeboten die richtigen für sich auswählen und wie sie netzwerken können.
Gefördert wird auch die Präsentationskompetenz. Wäre das nicht Aufgabe der universitären Ausbildung in der Fakultät?
Der zu vermittelnde Lehrstoff nimmt rasant zu, darum bleibt dafür an der Uni keine Zeit. Weil die Präsentation einer Arbeit aber so wichtig ist, zeigen wir den jungen Forscherinnen und Forschern, wie sie mit Freude ihre Arbeit und sich präsentieren und andere für ihre Studien begeistern können.
Sie schulen Ihre Mentees auch in redaktionellen Fähigkeiten. Warum?
Schreiben löst bei vielen Menschen Blockaden aus. Doch ohne aussagekräftige Publikationen kommen Forschende nicht weiter. Deshalb veranstalten wir in der Young Oncology Academy einen zweitägigen, durchaus unterhaltsamen Kurs, in dem sie lernen, klar, leicht und gut verständlich zu schreiben. Und das erst noch mit möglichst viel Spass.
Dem Netzwerken wird in der Young Oncology Academy ebenfalls viel Raum beigemessen, richtig?
Ja. Viele der heutigen Chefärztinnen und -ärzte von mittelgrossen und grossen Kantons- und Universitätsspitälern haben ihre Karriere der SAKK zu verdanken. Dank der Arbeitsgemeinschaft sind wir stark miteinander vernetzt. Wir wollen, dass die Jungen diese Chance auch haben und ermöglichen ihnen das Netzwerken mit wichtigen Akteuren in der Krebs-Community, national, international und das teilweise in bewusst lockerem Rahmen. Und dann führen wir die Teilnehmenden bei den SAKK-Arbeitssitzungen ein. Wie gesagt: Wir geben den Talenten einen Einblick in die erfolgreiche Entwicklung, Leitung, Durchführung und Veröffentlichung einer klinischen Studie. Damit ist der eigentliche Startschuss ihrer Karriere gegeben.
Für 2019 gingen 16 Bewerbungen ein. Sind Sie zufrieden mit dem Interesse?
Sehr sogar. Die Bewerberinnen und Bewerber haben einen guten Hintergrund und sind motiviert. Leider können wir nur ungefähr die Hälfte nehmen, um sie wirklich aktiv zu begleiten. Wir gehen davon aus, dass sich etwa die Hälfte der Teilnehmenden in der akademischen Forschung halten können. Drei bis vier Neue pro Jahr wäre eine gute Ausbeute.
Wen haben Sie 2019 ausgewählt?
Wir nehmen dieses Jahr vier Frauen und drei Männer in unserem Programm auf. Darunter sind vier medizinische Onkologinnen/Onkologen, zwei Hämatologinnen, eine Radioonkologin. Die Zusammenstellung kann je nach Bedürfnis im kommenden Jahr leicht anders ausfallen, z.B. ist es denkbar, dass sich auch Chirurginnen und Chirurgen für die YOA interessieren.
Was macht das Programm aus der Sicht der Bewerbenden attraktiv?
Was alle sagen: Die SAKK rollt ihnen einen Teppich aus. Sie erfahren eine intensive, aktive Unterstützung, und das gratis. Und danach besteht eine reelle Aussicht auf eine eigene Studie innert drei bis fünf Jahren. Wer sich anstrengt und einen gesunden Ehrgeiz mitbringt, geht diese Herausforderung gerne an.
Schreckt die Herausforderung neben einer dichten Ärztewoche viele ab?
Ein Teil gewiss, was schade ist. In der Onkologie werden die Patientinnen und Patienten zumeist ambulant behandelt. Die Ärztinnen und Ärzte müssen also keinen Nacht- oder Wochenenddienst leisten, arbeiten pro Woche dennoch rund 50 Stunden. Für die klinische Forschung müssen sie nochmals fünf bis zehn Stunden pro Woche aufwenden. Wir verlangen aber, dass ihre Chefin oder ihr Chef sich mit der Bewerbung einverstanden erklärt und sie zeitlich unterstützt, dass sie also an ihrem Arbeitsort die nötige freie Zeit für das Programm erhalten.
Verkommt das Einverständnis angesichts des hohen finanziellen Drucks in den Spitälern nicht leicht zu einem Lippenbekenntnis?
Der Druck in allen Abteilungen eines Spitals ist tatsächlich enorm hoch. Immer weniger Leute müssen mehr leisten. Bislang hat sich aber niemand beklagt, dass sie oder er keine Zeit für die Forschung erhalten habe. Vielleicht müssen wir die Frage in unsere Evaluation einbinden. Was klar ist: Wenn jemand die Stelle wechselt, können Schwierigkeiten entstehen, weil die neue Chefin oder der neue Chef sich ja nicht zur Teilnahme an der Young Oncology Academy äussern konnte. Doch bislang hat sich keiner der Teilnehmenden beschwert.
Forschen dauert lange – ohne Garantie auf einen Erfolg. Ist die klinische Forschung bei der Planung einer onkologischen Karriere ein Hochrisikospiel?
Wer in der Onkologie klinisch forscht, muss neben dem nötigen Talent Freude daran haben, fleissig sein und durchhalten können. Es ist deshalb eine Frage des Willens und der intrinsischen Motivation, ob jemand eine Karriere anstrebt. Und es sind Eigenschaften, die dazu gehören, wenn jemand Chefärztin oder Professorin respektive Chefarzt oder Professor werden will.
Die Onkologie wird feminisiert. Risiko oder Chance?
Chance: die Onkologie ist ein Superfach für Frauen und allgemein Personen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen, weil sie fast ausschliesslich in einem ambulanten Rahmen stattfindet und Teilzeitarbeiten und Sub- Subspezialisierungen möglich sind. Zudem erfordert die Arbeit mit den Krebsbetroffenen neben dem Wissen auch Empathie und Verständnis für soziale und psychische Belange, da sind die Frauen häufig besser als die Männer. Deshalb ist die Onkologie bei Frauen beliebt, und es gibt immer mehr hervorragende Frauen in wichtigen Positionen.
Etwa?
Ein jüngeres Beispiel ist das Präsidium der ESMO, das mit einem richtigen Shootingstar besetzt wurde: mit der Waadtländerin Solange Peters.
Trotzdem fehlen beim Nachwuchs auch Frauen. Was müsste geschehen, um sie für die klinische Forschung zu gewinnen?
Wir müssen den Frauen die Möglichkeit geben, die gleiche Karrierechancen zu haben, wie sie die Männer haben.
Konkret?
Viele Frauen wollen ab 30 ihre Familienplanung angehen. Das kann man nicht ignorieren, sonst wird das Fach entwertet. Die Onkologie und die klinische Forschung müssen attraktiv sein für alle, die sich in ihr engagieren wollen.
Ihre Forderung?
Teilzeitarbeit muss in allen Positionen möglich sein. Die Kinderbetreuung muss besser werden. Momentan ist es schwierig, mit Kindern eine akademische Karriere erfolgreich anzugehen. Zudem muss unsere Gesellschaft umdenken: Eine Frau, die eine Karriere macht, ist keine schlechte Mutter. Solche Vorurteile sind nicht mehr zeitgemäss.
Ob bei den Pfarr- oder Lehrpersonen oder den Piloten: Mit der Feminisierung sinkt das Prestige eines Berufsstands. Ist das auch bei den Medizinern und Forschern in der Onkologie der Fall?
Ja.
Schwindet durch die Feminisierung die Bereitschaft der Männer, die berühmte Extra-Meile zu gehen?
Das glaube ich nicht. Die Leistungsbereitschaft der Männer wird nicht von der Feminisierung bestimmt, aber auch Männer haben vermehrte Ansprüche an die Work-Life Balance und legen mehr Wert auf Freizeit und Familie.
Was raten Sie jemandem, der bei der Karriereplanung unschlüssig ist, ob die klinische Forschung für sie oder ihn das Richtige ist?
Ich kann nur aus meiner persönlichen Warte sprechen. Ich sehe Patientinnen und Patienten tagein, tagaus, was ich als sehr befriedigend empfinde. Zudem erhält meine Arbeit durch die Forschung eine neue Ebene. Forschen ist eine intellektuelle Herausforderung, die einhergeht mit einem Wissenszuwachs. Es freut mich persönlich, wenn eine neue Therapie einem Krebsbetroffenen etwas bringt. Und man kommt in Kontakt mit neuen Leuten. Man vernetzt sich national und international. Vor allem aber ist diese wichtige Bereicherung meines Alltags nicht Selbstzweck, sondern kommt letztlich meinen Patientinnen und Patienten zugute.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten bei der Begleitung junger klinischer Forschenden?
Auf ihren Enthusiasmus. Und auch darauf zu sehen, wie leicht es ihnen fällt, Neues aufzunehmen und umzusetzen. Ich hoffe, dass sie sehr bald sehr gute Onkologinnen und Onkologen und sehr gute Forschende sein werden.
Behandeln Spitäler mit klinischer Forschung ihre Patientinnen und Patienten besser?
Ja, zweifelsfrei. Insbesondere Studienteilnehmerinnen und -teilnehmerprofitieren. Sie werden engmaschiger kontrolliert, der Zeitaufwand für sie ist höher. Untersuchungen zeigen: Wer an einer Studie teilnimmt, hat eine höhere Lebenserwartung. Auch wenn fairerweise gesagt werden muss, dass das auch an den strengen Auswahlkriterien für eine Studienteilnahme liegen kann. Häufig sind die Teilnehmenden die etwas Fitteren.
Warum liegt es im Interesse eines Akutspitals, klinische Forschung zu betreiben?
Lassen Sie mich in zwei Teilen antworten: Jeder dritte Mensch erkrankt im Lauf seines Lebens in der Schweiz an Krebs. Die Wahrscheinlichkeit nach fünf Jahren noch zu leben beträgt für die Gesamtgruppe aller Krebskranken 60 bis 70 Prozent. Dabei gibt es riesige Unterschiede je nach Krebsart. Auf den ersten Blick sehen diese Zahlen nicht schlecht aus. Aber das kann uns nicht genug sein! Kein Mensch in der Medizin kann zufrieden sein, dass noch immer so viele an Krebs sterben. Wir können die Chancen auf ein Überleben von Krebs nur erhöhen, indem wir Forschung betreiben. Als Arzt finde ich es ein Imperativ, das zu versuchen. Wenn ein Spital also eine gewisse Grösse hat, sollte es versuchen, an einer Verbesserung der Prognose der Erkrankten beizutragen.
Und zweitens?
Heute ist es unbestritten, dass die klinische Forschung ein Qualitätsmerkmal eines Spitals ist. Spitäler mit klinischer Forschung sind auf einem aktuelleren Wissensstand. Sie verfügen über mehr Kontrollmechanismen, dokumentieren genauer, haben Zugang zu neuen Therapien und Medikamenten. Das macht ein Spital im Wettbewerb mit anderen Spitälern attraktiver für die Patientinnen und Patienten.
Krebs schert sich nicht um Landesgrenzen. Klinische Studien können in Indien und im Osten Europas günstiger erstellt werden als in der Schweiz. Warum lohnt es sich, in der Schweiz weiterhin in die klinische Forschung zu investieren?
In anderen Ländern mit mehr Leuten und nur einer Landessprache sind Ergebnisse tatsächlich schneller und günstiger zu haben als in der Schweiz, so dass man sich tatsächlich fragen könnte, warum wir den Aufwand betreiben…
Und warum betreiben wir ihn?
Krebsbetroffene profitieren von der Teilnahme an Programmen mit neuen, allenfalls wirkungsvollen Therapien. Und aus Sicht unseres hervorragenden Gesundheitswesens ist es die Stärkung des Forschungsplatzes. Die Schweiz ist ja mitunter in der medizinischen Grundlagenforschung sehr stark. Und die braucht einen klinischen Partner, der die neusten Behandlungsmöglichkeiten jenseits der Standardverfahren anwendet, zugunsten der Patientinnen und Patienten überprüft und nachweist, dass die Forschungsergebnisse aus dem Labor in der Klinik wirklich relevant sind. So kann eine bestmögliche Betreuung und Forschung gewährleistet werden. Und nicht zuletzt haben wir in der Schweiz die Bereitschaft zu forschen, so dass es bedauernswert wäre, wenn wir die klinische Forschung aufgeben würden.
Patentierbare Erkenntnisse stellen für die Patientinnen und Patienten einen grossen Nutzen dar. Sind Pharmamunternehmen nicht prädestinierter fürs Forschen als Spitäler?
Innovative Therapiekonzepte kommen leider hauptsächlich von der Pharmaindustrie. Sie hat das Geld und den Manpower dafür. Entdeckt ein kleines Start-up etwas Interessantes, wird es aufgekauft. Trotzdem braucht es die unabhängige akademische Forschung – die notabene bei gewissen Projekten gut mit den Krankenkassen zusammenarbeitet. So untersuchen wir in der SAKK ob ein reduzierter Einsatz gewisser teurer Krebsmedikamente gleich wirksam ist wie die volldosierte Gabe. Natürlich hat die Pharmaindustrie an solchen Studien kein Interesse, aber die Patienten und die Kostenträger sehr wohl.
Was für Massnahmen benötigt es zukünftig, um die klinische Krebsforschung in der Schweiz zu stärken?
Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Sprich: Die SAKK stärken, Kontakte ausbauen, Strukturen schaffen, die den Zugang zur klinischen Forschungstätigkeit für alle relativ leicht und niederschwellig machen. Zudem müssen wir verstärkt vor die Öffentlichkeit treten und darauf aufmerksam machen, dass die klinische Forschung etwas Gutes und Nützliches ist. Dass sie nicht für experimentelle Zwecke da ist, oder für eine angestrebte Professur, sondern dass sie dazu dient, die Prognose der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Was haben sie persönlich aufgrund ihrer Arbeit über das Menschsein gelernt?
Als Onkologe ist man häufig der letzte Arzt, der eine Patientin oder einen Patienten begleitet. Es beeindruckt mich immer wieder, wie Betroffene und ihre Familien mit ihrer Situation umgehen, wie sie weit über sich herauswachsen, wie sie mit schlechten Nachrichten umgehen, und mit dem Leiden. Wie sie sich aufs Wesentliche konzentrieren und versuchen, ein schönes Leben zu gestalten. Meine Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen sind unbekannte Helden: Niemand schreibt ein Buch über sie, sie kommen in keinem Film vor. Aber ich kann nur hoffen, dass ich, wenn ich in ihrer Situation sein sollte, etwas von ihrem Mut und ihrer Zuversicht und ihrem Vertrauen verfügen könnte. Es ist für mich ein absolutes Privileg, sie begleiten zu dürfen. Onkologe zu sein ist für mich einer der wichtigsten und schönsten Berufe, und darum haben wir auch die Verpflichtung, besser zu werden und zu forschen.